Die Multi-Kulti-Phase
1990 habe ich meinen Job gewechselt. Nachdem es den Ostblock nicht mehr gab, brauchte man auch keine komplizierten Reisen mehr dorthin zu veranstalten. Nach einer heftigen Grippe, während der ich nur den ganzen Tag fernsehen konnte, kam mir eine Idee: Ich war begeisterter Fan von Musikclips, die damals, Mitte-Ende der Achtziger groß im Kommen waren. Besonders faszinierte mich, dass diese Clips graphisch sehr ansprechend waren. Ich kroch mit 40 Fieber zu meiner Mitbewohnerin und fragte sie, ob sie mir zutrauen, würde, als Fotografin zu arbeiten. Sie meinte ja! Ich hatte seit längeren nicht nur die Dienst-Reisen fotografisch dokumentiert, sondern auch schöne Portraits gemacht. Ich bewarb mich also um eine Lehrstelle als Portraitfotografin. Was soll ich sagen...es klappte!
Ausgerechnet ein renommiertes Fotogeschäft auf der ("noblen") Frankfurter Fressgass stellte mich als Azubi ein. Ich war begeistert. Tolles Team, brilliante Fotografenmeisterin und besonders hilfsbereite und begabte Mitlernende. Außerdem war ein Geschäft für alles, was mit Fotos und Fotografieren zu tun hatte, angegliedert. Man konnte nach Herzenslust z.B. auch hochwertige gebrauchte Kameras kaufen, oder sich tolle Poster ausdrucken lassen.
Ein bisschen krass war, dass man den ganzen Tag stehen musste. Und Essen oder Getränke im Laden waren verboten. Nachdem sich mein Kreislauf und mein Stoffwechsel daran gewöhnt hatte, kam ich ganz gut klar.
Hier entdeckte ich eine zweite "Superkraft": beim Anschauen oder Anfassen von Fotos konnte ich teilweise erkennen, was mit der Person passiert war oder noch passieren würde. Gruselig, wenn man es mit Bildern von Verstorbenen zu tun hatte. Noch schlimmer war es aber bei Hochzeitsfotos. Ich konnte teilweise erkennen, wie die Ehe der beiden funktionieren würde. Was dazu führte, dass ich es ablehnte, Hochzeits-Fotos für Bekannte und Freunde zu machen.
Nach der Lehre auf der Fressgass musste ich mir ein neues berufliches Zuhause suchen, denn es konnten nicht alle Lehrlinge behalten werden, und ich hatte in Gehaltsverhandlungen zu hoch gepokert. Eine kostengünstigere Kollegin durfte erstmal bleiben. Naja.
Ich meldete mich arbeitslos und arbeitete weiter an meinen Uni-Studien, dafür gab es ja noch genug zu tun.
Aber, kaum zu glauben, nach kürzester Zeit erhielt ich vom Amt per Brief eine Fotografen-Stelle angeboten. Ohne mich groß umzuziehen schnappte ich mir meine (wirklich "groß"artige) Bildermappe und peste in die Stadt zum Vorstellungsgespräch. Nachdem ich meine großen Fotos auf dem Boden ausgebreitet hatte, war ich sozusagen direkt eingestellt. ABER: Die Kollegin sagte mit, dass nicht für diese Filiale an der Hauptwache, sondern am Hauptbahnhof jemand gesucht würde. Sie erwartete wohl, dass ich schreiend rausrennen würde. Stattdessen freute ich mir einen Ast. Nach fast drei Jahren im Nobelviertel West-End / Alte-Oper / Fressgass, sollte ich es endlich wieder mit "richtigen" Menschen zu tun haben! Meine Arbeit beim Reiseveranstalter war ja in der Mainzer Landstraße gewesen. Ich kannte mich im Bahnhofsviertel also schon gut aus.
Der Laden war einfach super. Total mini, hauptsächlich nur ich und manchmal einer der Lehrlinge, direkt mit Blick auf den Hauptbahnhof.
Menschen aus aller Welt ließen sich hier fotografieren. Sogar Aborigines im schicken Anzug kamen mir vor die Linse. Wunderbare Hochzeitsaufnahmen mit wunderschönen ausländischen Bräuten in Trachten oder klassisch in Weiß. Ein absoluter Traum. Der Laden war quasi der Nabel der Welt für einen Portraitfotografen. Ja, und damals war Mulitkulti noch klasse. Viele Kontakte in die muslimische Welt, die türkische Botschaft war gegenüber und schickte Kunden. Ich lernte ein bisschen türkisch und italienisch, konnte gut englisch. Mein zeitweiser Lehrling war eine junge Kroatin, die die slawischen Sprachen beherrschte. Wir konnten uns also mit fast jedem Kulturkreis verständigen.
Nebenbei betrieb ich da schon meine esoterischen Studien.
Außerdem: Mittagspause oder Feierabendbierchen in der der Kaiser- oder Münchener Straße. MUSS man eigentlich mal erlebt haben. Eine Straße weiter gab es außerdem einen Importladen für Aquarienfische aus aller Welt. Riesige Welse, Seesterne, tropische Fische. Da war es wieder: mein Fabel für die Natur und Tiere...
29.01.26
Gabrielle Moog, gepr. Astrologin DAV
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